Brandrodung im Plot-Chaos

Fluss mit Brücke in Wolfenbüttel

Und am Anfang stand der Plot.

Ich weiß, das ist eine Streitfrage – ungefähr wie: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Aber lassen wir das doch einfach so stehen. Natürlich steht der Plot nicht immer am Anfang eines kreativen Prozesses, oft sind es auch die Charaktere oder eine bestimmte Szene, manchmal auch nur ein Wort mit dem das Erschaffen eines Texts beginnt. Wie eine Geschichte geschrieben wird, sei es eine fünfseitige Kurzgeschichte oder ein 500 Seiten langer Roman, ist ebenso individuell wie die Story selbst. Doch ich habe festgestellt, dass ich einen Plot benötige, bevor ich mit dem Schreiben einer Geschichte beginne.



Der verkorkste Plot

Woher ich das weiß? Ich musste es schmerzlich beim Schreiben meines ersten Manuskripts lernen. Acht Jahre habe ich an dem Ding gearbeitet, bis ich letztes Jahr schließlich alles verworfen und von neuem begonnen habe. Diesmal mit einem vorher erstellten Plot. Nur nach einer Brandrodung kann ein neuer, gesunder Wald entstehen. Mit einem verkorksten Roman, ist es so ähnlich.

Im Schloss fand der Workshop statt

Im Residenzschloss fand der Workshop statt.

Das meine so lange gehegte und gepflegte und immer wieder geänderte Story nicht funktioniert, musste ich mir beim letztjährigen Fantasy-Plotten-Workshop in Wolfenbüttel eingestehen. Eigentlich besuchte ich den dreitägigen Kurs, um meinen bisherigen Plot auf Vordermann zu bringen und die Plotlöcher zu stopfen – dachte ich. An einem Wochenende Mitte November 2017 standen der Dozent und ich vor der Pinnwand und waren uns einig: der alte Plot muss weg, ein vollkommen neuer muss her.

Plot auf Zettel an Pinnwand

So sah mein Plot an der Pinnwand aus. Nur die grünen Zettel sind Szenen.




Das mag hart klingen, aber für mich war es eine Erleichterung, von einem Fachmann bestätigt zu bekommen, was ich schon seit geraumer Zeit vermutete – der alte Plot funktioniert nicht. Denn als mein Handlungsverlauf schließlich in Szenen aufgeteilt an der Pinnwand hing, stellte ich fest, dass nicht nur in der Mitte ein riesiges Loch klaffte, nein, mir wurde bewusst, dass mein geliebter Plot ein einziges Flickwerk war.

Ein Plot wie Frankenstein – ein einziges Flickwerk

Der Grund dafür: ich begann mit dem Schreiben des Fantasy-Romans als ich 27 Jahre alt war und überhaupt keine Ahnung vom Schreiben eines Romans hatte, geschweige denn von der Wichtigkeit des Plottens wusste. Deshalb startete ich mein Fantasy-Projekt zwar mit viel Motivation, aber ohne Handwerkszeug. Über die Jahre, mit meiner Arbeit am Manuskript, dem Lesen unzähliger Schreibratgeber und dem Besuch von Workshops lernte ich immer mehr dazu. Irgendwann lernte ich auch, dass viele Schriftsteller zuerst einen Plot entwickeln, bevor sie loslegen.

Da war es für meinen Roman aber schon viel zu spät. Er umfasste vierzig Kapitel mit was-weiß-ich-wie-viel-Seiten. Da mir ein klarer Handlungsablauf fehlte, schmiß ich alte Szenen raus und schrieb neue dazu. Dadurch musste ich immer wieder lose Szenen mit anderen verknüpfen. Durch die vielen Jahre Arbeit unterschied sich mittlerweile auch mein Schreibstil. Im Grunde passte nichts mehr zueinander. Doch das sah ich erst, als es auf farbigen Zetteln vor meiner Nase hing. Also was tun? Genau. Noch mal von vorne anfangen.

Alles auf Anfang

So sehr es mich schmerzte, ich fühlte mich auch erleichtert. Mir war klar geworden, dass ich alten Ballast abwerfen musste, um einen guten und unterhaltsamen Roman zu schreiben – diesmal mit Plot. Was mich vor die Frage stellte, welche Plot-Methode ich anwenden wollte. Ich entschied mich für die abgewandelte Art der Schneeflocken-Methode unseres Dozenten, von ihm auch als “Bläh-Methode” bezeichnet. Vorher erstellte ich eine Plot-Tabelle in Word (ich habe eine ganz furchtbare Excel-Allergie) mit den wichtigsten Abschnitten der 3-Akt-Struktur wie Point of no Return, erster und zweiter Wendepunkt und Twist.

Hier ein Überblick über die wichtigsten Punkte:

  • Einführung
  • Auslösender Moment
  • Point of no Return
  • 1. Wendepunkt
  • Zentraler Punkt
  • 2. Wendepunkt
  • Twist/Katastrophe (Tiefpunkt)
  • Höhepunkt
  • Ausblick

Nachdem die Tabelle stand fügte ich weitere Szenenblöcke hinzu. Alles jedoch nur grob strukturiert und an die Heldenreise angelehnt. So sah meine Struktur am Schluss aus:

  • Einführung Hauptfigur
  • Auslöser
  • Weigerung zum Abenteuer
  • Point of No Return
  • Neue Freunde/Feinde
  • Bewährungsprobe
  • Erste Erfolge
  • 1. Wendepunkt
  • Zentraler Punkt
  • 2. Wendepunkt
  • Twist/Katastrophe (Tiefpunkt)
  • Höhepunkt
  • Ausblick

Die einzelnen Szenen aus der Tabelle habe ich schließlich aufgebläht. Hier ein Beispiel:

Szene aus Plot-Tabelle:

Protagonist verliert Schlüssel für das Tor (Point of no Return)

Erweiterung:

Protagonist verliert Schlüssel für das Tor

→ Wird von einem Tier angegriffen

→ Kampf mit Tier

→Verliert Schlüssel im Kampf

Natürlich könnt ihr die einzelnen Punkte so genau ausarbeiten, wie ihr möchtet. Ich wollte mir selbst beim späteren Schreiben nur nicht zu viele Vorgaben machen, da mir während des Schreibens oft noch einige gute Ideen kommen. Für mich war wichtig, dass die Handlung durchgänig und logisch ist und keine Plotlöcher entstehen. Den finalen Handlungsstrang hatte ich mit dieser Methode in ungefähr eineinhalb Wochen ausgearbeitet. Ich musste ihn zwar noch einmal nachjustieren, nachdem sich die Konstellation der Antagonisten geändert hatte, aber das waren eher Kleinigkeiten.

Ein neues Plot-Küken erblickt das Licht der Roman-Welt

Als ich feststellte, dass ich an einem bestimmten Punkt hänge, habe ich die Infos zu einem Artefakt, das für die Szene wichtig ist, weiter ausgearbeitet. Und siehe da: es ging weiter. Zuletzt erstellte ich die Charakterprofile. Normalerweise mache ich das vorher, aber da ich die Figuren schon alle von meinem alten Manuskript kannte, übernahm ich einfach die alten Angaben und aktualisierte sie nur.

Nach eineinhalb Wochen Arbeit am Plot mischte sich meine Vorfreude darüber, endlich loslegen zu können, mit Angst. Das erste Kapitel wartete darauf geschrieben zu werden. Wie würde es laufen? Brannte ich noch für meine Geschichte und deren Charaktere? Würde ich gute Szenen schreiben, Szenen die mich als Autor überzeugen? Aber ich kann euch verraten – Achtung, Spoiler! – mittlerweile bin ich bei Kapitel 10 und es läuft ganz gut. Ich will jetzt gar nicht so etwas sagen wie: „… und dann stieg ein neuer Plot empor wie ein Phönix aus der Asche“. Aber so ein rot-gelb leuchtendes Küken hat sich schon aus meinem alten Plot herausgebuddelt. Es wuselt nun fröhlich piepend seiner Zukunft entgegen.

Artikel zum Thema Plotten findet ihr auf diesen Seiten:

Teilen macht Freu(n)de 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert