Das neue Leben der Louise Flinn – Leseprobe

Kurzgeschichte Steampunk
Erstellt mit Canva.

„Ich traue diesen Dingern nicht, ich würde lieber die Treppe nehmen“, sagte die ältere Frau im schwarzen Empire-Kleid mit dem breiten Hut, als Louise zu ihr in den Aufzug trat. „100. Stock, bitte“, sagte sie freundlich zum Liftboy. Sie war froh, ihr Gepäck endlich los zu sein. Sie hatte dem Gepäckjungen extra viel Trinkgeld gegeben, damit es auch sicher oben ankam. Der Liftboy schloss die Gittertür, schob Hebel nach unten und der Aufzug ratterte los. Louise konnte das Misstrauen der Leute in die neue Technik nicht nachvollziehen. Sie vermutete, das lag an ihrem Alter. Mit 28 war man neuen Dingen aufgeschlossener. „Ich bin schon öfter Aufzug gefahren“, sagte sie und drückte eine Haarnadel zurück in ihr hochgestecktes, rotes Haar. „Diese Geräte sind zuverlässig, sie stürzen nun auch nicht mehr ab.“ Dann rückte sie ihren kleinen Hut zurecht und strich ihr Kleid glatt. Die Frau begutachtete weiter argwöhnisch die Innenausstattung und dann Louises Prothese an deren rechten Arm. Nach kurzer Fahrzeit gab es einen kleinen Rückstoß, als der Lift gegen den Widerstand der Decke stieß. Die ältere Frau hielt mit einer Hand ihren Hut mit der anderen das Holzgeländer fest. Der Liftboy öffnete das Gitter. Die Frau tupfte sich die Stirn mit einem Spitzentaschentuch ab und wischte schnell aus dem Fahrstuhl in den breiten Flur, um sich auf eine der Wartebänke unter den hohen Buntglasfenstern zu setzen.
Louise bedankte sich beim Liftboy, trat nach draußen und setzte ihren Weg auf dem roten Teppich fort. Unter glitzernden Kristalllüstern mit elektrischen Birnen ging sie auf den Tresen zu. Sie checkte für die Jungfernfahrt der LS Kosmos ein, bekam eine Bordkarte und ihren Kabinenschlüssel. Dann trat sie durch zwei schwere Flügeltüren hinaus aufs Kai. Die kalte Zugluft blies ihr scharf ins Gesicht, zerrte an ihren Haaren und an ihrem Kleid. Wie lange hatte sie den wütenden Wind nicht mehr gespürt?
An den Docks reihte sich Luftschiff an Luftschiff. Einige davon so hoch, wie ein mehrstöckiges Haus und so breit wie ein ganzer Häuserblock, andere klein, wie eine Fähre. Die lackierten Stoffe der Zeppeline glänzten im Licht der Morgensonne. Die meisten Luftschiffe wurden gerade von den Mannschaften beladen. Das Gepäck kam mit Lastenaufzügen an den Kais an. Die Männer in Arbeiterkluft fluchten und scherzten. Es roch nach Motoröl, Dampf zischte aus Rohren an den Docks und aus denen der Luftschiffe. Der Geruch rief ihr sofort Arturs Bild vor Augen. Sein liebevoller Blick verfolgte sie bis in ihre Alpträume. Louise ging an den Rand des Docks heran. Sie konnte von hier aus die Pferdekutschen und Straßenbahnen auf der Straße unten fahren sehen. Die Menschen sahen winzig aus. Der Wind trug das Hufklappern und die läutende Glocke der Bahn zu ihr herauf. Sie vermisste das Gefühl, hoch in der Luft zu sein. Louise umfasste ihren mechanischen Oberarm mit ihrer gesunden Hand. Ihr letztes „Abenteuer“ hatte nicht nur Arturs Leben gekostet, auch sie hätte das Luftmonster fast erwischt und ihr den Arm ausgerissen, kurz bevor es Arturs Rückgrat brach. Die Zahnrädchen klickten als Louise ihre mechanische Faust ballte. Obwohl sie ihren echten Arm vermisste, empfand sie ihre Prothese als ein Wunder. Sie bestand aus Metallsehnen, Venen durch die Quecksilberflüssigkeit floss und Dampf getrieben wurde, Lederriemen und Zahnrädern an den Gelenken – und sie funktionierte tadellos. Sie war froh, dass Herr Koppler sie für das Forschungsprogramm von Dr. Frankenstein empfohlen hatte. Sie hätte die teure Prothese niemals selbst bezahlen können. Sie öffnete ihre Faust und atmete angestrengt aus. Sie sollte besser nach ihrem Kai suchen. Sie fand es in der Mitte des Docks, die gigantische Kosmos lag schon vor Anker und überragte alle anderen Luftschiffe. Zwei flache Stahlringe liefen um das Fluggefährt herum, wie Ringe um den Saturn. Sie waren mit Netzen überspannt und mit Geländern versehen. Louise ging auf den Gepäckhaufen am Kai zu. Sie erspähte ihren Koffer und die lange, schmale Kiste mit dem Vorhängeschloss auf dem Gepäckhaufen. Ihre Harpune war also unentdeckt angekommen. Louise friemelte ihr Ticket aus der Handtasche und übergab es dem Mann in dunkelblauer Luftschiffuniform, der vor dem Eisensteg die Karten entwertete.
„Einen schönen Aufenthalt an Bord, die Dame“, sagte er und gab ihr ihre perforierte Karte zusammen mit einem Kabinenplan zurück. Louise bedankte sich, lief über den Eisensteg und reihte sich in die Schlange der Gäste ein, die sich langsam wie eine Raupe in das Gefährt hinein wandt. Louise las den Kabinenplan, um sich die Zeit zu vertreiben. Nach einigen Minuten hatte sich ihr Teil der Schlange in das Schiffsinnere vorgearbeitet. Sie betrat das Schiff immer noch mit der Nase im Plan.
Er zeigte elf Decks, davon zwei mit Passagierkabinen. Sie überflog die Auflistung der Kabinennummern, sah hoch und stockte. Sie stand in einem runden Foyer, von der hohen Decke hing ein gigantischer Kristalllüster. In der Mitte sprudelte ein Springbrunnen. Nackte Marmorgrazien mit wallendem Haar stützten Treppen und Säulen. Das Innere des Luftschiffs glich einem riesigen Palast aus Stahl, Glas und Marmor. Eine kunstvolle Steintreppe führte in den ersten Stock, Aufzüge fuhren bis in die zehnte Etage. Um Louise herum strömten die Passagiere durch das Foyer, wuselten die Treppen hinauf oder quetschten sich in die Aufzüge. Das Stimmengewirr war so laut wie in einem vollen Bahnhof. Wegweiser zeigten die Decks an: Auf Deck drei gab es ein Varieté-Theater, auf Deck sechs konnten Passagiere neben dem Speisesaal auch den Teesalon besuchen und auf Deck sieben gab es sogar einen Telefonsalon. Auf dem Deck darüber befand sich das Schwimmbad. Deck elf beherbergte eine Reparaturwerkstatt, die, wie das Schild anpries „auch moderne Geräte wie Grammophone“ reparierte. „Hinter den Netzen bleiben“, warnte das Schild, das zu den Flanierdeckausgängen zeigte. Louise betrachtete ehrfürchtig die Ausstattung des Luftschiffes. Es war wirklich ein Triumph der Technik. Seit es den Wissenschaftlern gelungen war, das Wasserstoff-Dampf-Gemisch zu verstärken und durch die doppelwandige Außenhaut zu leiten, konnte der komplette Raum des Ballons genutzt werden.

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Erstellt mit Canva.

„Frau Flinn?“, fragte eine sanfte Stimme. Louise fuhr zusammen. Hinter ihr stand Herr Koppler, der auf einem Gepäckwagen eine große, chinesische Lackkiste mit Schloss vor sich her schob. „Ein beeindruckendes Schiff, nicht wahr?“, Herr Koppler nahm seinen Zylinder ab. Er sah für seine fast fünfzig Jahre immer noch gut aus, fand Louise. Ein bisschen wie ein älterer Nikola Tesla.
„Ja, sehr schön“, sie lächelte. Sie mochte Koppler. Er hatte ihr nach Arturs Tod geholfen, war aber nie aufdringlich. Er trauerte selbst um seine verschwundene Frau. Vor zwei Jahren hatte sie das Haus verlassen und war einfach nicht mehr zurückgekommen. Zumindest war es das, was die Zeitungen berichteten. Er selbst sprach nie darüber.
„Einige Leute behaupten, ein so großes Schiff würde noch von einer zusätzlichen Kraft angetrieben, weil das Gemisch alleine das Gewicht nicht tragen könne.“ Koppler grinste verschwörerisch.
„Ach, das ist alles Luftfahrergarn“, sagte Louise und winkte ab.
„Was macht der Arm?“ Koppler deutete auf ihre Prothese.
„Funktioniert einwandfrei.“ Louise hob ihren Arm und bog ihn wie ein Muskelmann auf dem Jahrmarkt. Neben ihr lief ein Pärchen vorbei, der Mann schüttelte den Kopf. Die Frau lächelte sie an. Koppler lachte leise.
Louise nahm den Arm herunter. „Ich wollte nur sagen – vielen Dank, dass Sie mich für das Programm empfohlen haben. Ohne Sie hätte ich nur einen nutzlosen Stumpf. Mit meiner Prothese bin ich ein neuer Mensch.“
Koppler lächelte verschmitzt. „Die Mechanik darin ist ganz erstaunlich“, sagte er. „Ich bin froh, Sie wieder so guten Mutes zu sehen. Aber hier hätte ich Sie nicht erwartet.“ Er sah sie neugierig an.
„Nun, ich dachte, ich sollte meinen Dämonen gegenübertreten“, Louise räusperte sich und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Seit Arturs Tod habe ich kein Luftschiff mehr betreten.“

Ende der Leseprobe. Die ganze Geschichte findet ihr in überarbeiteter Form in meiner neuen Anthologie.

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3 Replies to “Das neue Leben der Louise Flinn – Leseprobe”

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